Ein offener Brief an jemanden aus einem anderen Deutschland

Der folgende offene Brief an Bundespräsident Gauck schildert u.a. den Umgang verschiedener Polizist*innen während des Versuchs der Autorin, Schutz während und nach eines sexuellen Übergriffs zu erhalten und Anzeige zu erstatten. Auch der Übergriff wird geschildert. Bitte lest nicht weiter, wenn ihr unsicher seit, ob ihr davon getriggert werdet. Triggerwahrnung!! Der Brief wurde zum ersten Mal veröffentlicht unter http://samtbassherzschlag.de/2013/03/05/ein-offener-brief-an-jemanden-aus-einem-anderen-deutschland

Dresden, den 5. März 2013

Lieber Herr Bundespräsident Gauck,

heute möchte ich Ihnen mal einen kleinen Brief zukommen lassen. Scheinbar sende ich Ihnen diesen Bericht aus einem Land, das mit dem Deutschland, in dem Sie leben, überhaupt nichts zu tun hat. Denn Sie äußerten ja in einem Interview, dass das Magazin Der Spiegel am 4. März 2013 veröffentlichte, folgende Worte bezüglich der Sexismusdebatte:

„Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde. (…) Es gibt sicher in der Frauenfrage bei uns noch einiges zu tun. Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen.“ (Der Spiegel, Heft10, 4.3.2013, S. 35 f.)

Nun möchte ich Ihnen gerne erzählen, was mir einen Tag vor der Veröffentlichung dieser Worte passierte:

Am Sonntag, den 3. März machte ich mich am Morgen auf, meine Freundin in Leipzig zu besuchen. Aus dem Viertel, in dem ich wohne, steuerte mir gegen 9 Uhr ein junger Mann entgegen, der sich im Vorübergehen mit dem kompletten Oberkörper an mir rieb. Zunächst dachte ich, er wäre betrunken und hätte ein Gleichgewichtsproblem, bis mir auffiel, dass er kehrt gemacht hatte und mich bis zur Straßenbahnhaltestelle verfolgte, wo er sich schließlich vor ein Gebüsch stellte, sein Geschlechtsteil hervorholte und begann sich zu befriedigen, während er mir mehrere Minuten lang provokativ ins Gesicht sah um zu eruieren, ob ich sein Verhalten auch ja mitbekomme. Was ich natürlich tat. Da ich aber weiß, dass Exhibitionisten, und für einen solchen hielt ich ihn, sich an den Reaktionen derer ergötzen, die sich in seiner Nähe aufhalten, gönnte ich ihm diese nicht und tat, als bemerke ich nichts, stieg später in die Straßenbahn ein und fuhr zum Bahnhof, von da aus weiter nach Leipzig.

Abends gegen 18:30 Uhr kam ich zurück und lief auf dem Weg nach Hause an jenem Platz vorbei, an dem ich am Morgen in die Straßenbahn gestiegen war. Als ich bemerkte, dass der Mann, der mich bereits am Morgen belästigt hatte, dort noch immer stand und Ausschau hielt, glaubte ich zunächst meinen Augen nicht zu trauen. Er bemerkte mich ebenso, allerdings sah ich in seinem Gesicht kein Zeichen des Wiedererkennens, was für mich den Schluss zulässt, dass er den ganzen Tag dort gestanden und diese Show mehrere Male abgezogen, ergo den Überblick verloren hatte. Ich bog in eine vielbelebte Straße auf dem Weg nach Hause ein. Diese Straße kreuzt als nächstes die meine – auf der sich das Polizeirevier befindet. Ich befand mich also in direkter Nähe dazu und steuerte ihm entgegen. Als ich bemerkte, dass der Mann mir folgte, rief ich eben jenes Polizeirevier an. Folgendes Gespräch hat sich dabei ergeben:

Ich: „Hallo, mein Name ist XXX, ich befinde mich auf der XXX-Straße in Richtung Polizeirevier. Heute Morgen hat sich ein Mann an mir gerieben und sich dann am XXX-Platz öffentlich befriedigt. Dieser Mann läuft hinter mir und verfolgt mich gerade nach Hause.“

Polizist: „Ja, und, was soll ich da jetzt bitteschön machen?“

Ich: „Könnten Sie bitte jemanden schicken, ich werde verfolgt und wurde bereits belästigt heute und ich habe Angst. Ich laufe gerade nach Hause, dort ist doch auch das Polizeirevier.“

Polizist, lauter werdend: „Ja, wenn die Politik die Gelder kürzt, haben wir eben keine Streifenwagen!!! Ich schicke niemanden. Geht nicht.“

Ich: „Sie brauchen doch keinen Wagen, das sind nur ein paar Schritte von Ihrem Revier, auf das ich gerade zulaufe!!!“

Polizist (jetzt brüllend): „Für sowas schick ich keinen Wagen und nichts, das geht einfach ni!!!“

Ich: „Ist das jetzt Ihr Ernst?!“

Polizist (völlig außer sich): „Da kann ich jetzt halt auch nichts machen!!!“

Ich muss gestehen, völlig schockiert gewesen zu sein. Gerade als ich das Gespräch beendet hatte und das Handy in meine Tasche legte, hatte der Verfolger aufgeholt, rempelte mich von hinten an und fuhr mit einer erstaunlich geübten Geste wie nebenbei unter meinen Rock, unter dem er dann meinen Hintern befummelte und über ihn strich, nur um Sekunden später weiterzugehen als ob nichts sei. Ich stand da und war völlig baff: über die Polizei, über den Mann. Schockstarre. Was tun? Tausend Gedanken schossen mir in dem Moment durch den Kopf: Soll ich schreien? Aber der Übergriff ist doch schon geschehen, was soll ich da noch schreien? „Haltet ihn?“, wie in einem schlechten Film? Wer würde das denn dann tun? Und die Sache den anderen Passanten zu erklären würde viel zu lange dauern. Ihn schlagen? Aber wenn er bereits zeigt, übergriffig und absolut grenzübergreifend zu sein, bringe ich mich dann damit nicht noch mehr in Gefahr? – Der Mann ging weiter, wechselte die Straßenseite, wechselte sie wieder – und war erneut hinter mir. Er lief mir stockdreist einfach weiter hinterher! Jetzt bekam ich echt richtig Angst. Ich bog in meine Straße ab. Er lief mir hinterher. Unmöglich konnte ich jetzt nach Hause gehen, denn was würde vor meiner Haustür bzw. in meinem Hausflur passieren? Also spielte ich auf Zeit. Lief weiter, als ob nichts sei und dachte mir, der Mann sei vielleicht so dumm oder dreist, mir bis fast vors Polizeirevier hinterherzulaufen. Was er auch tat! – Ich betrat das Polizeirevier. Hinter einer Glasscheibe saßen zwei Beamte. Folgendes Gespräch entwickelte sich:

Ich: „Hallo, ich habe gerade angerufen, ich wurde belästigt, der Typ steht da draußen!“

Polizist 1 (nach einem Blick auf meinen Minirock): „Davon weiß ich nichts!“

Ich: „Dann habe ich mit Ihrem Kollegen telefoniert! Würden Sie mal bitte mit rauskommen, der Typ steht doch da noch, der hat mich befummelt, kommen Sie jetzt bitte mit raus?!“

Polizist 2 (an der Stimme erkennbar: das war der, mit dem ich telefoniert hatte – nach einem Blick auf meinen Minirock): „Ja, was sollen wir denn da jetzt machen?!“

Ich: „Mit rauskommen vielleicht, sonst ist der nämlich weg?!“

Polizist 2 (in Rage): „Das geht jetzt ni! Die Mittel sind gekürzt!“

Ich: „Das ist einmal aus dem Revier rausfallen und Sie sind da!!!“

Polizist 2 (schreiend): „Jetzt beruhigen Sie sich erstmal!!! Setzen Sie sich hin, wenns ni anders geht, dann müssen wir halt eine Anzeige aufnehmen!!! Beruhigen Sie sich und setzen Sie sich hin!!!“

Ich (jetzt auch lautstark): „Was isn das hier überhaupt für ein Ton, ich bin hier nicht der Täter!!!“

Nachdem mehrere Minuten vergangen waren, bequemte sich dann Polizist 1 endlich dazu, hinter der Glasscheibe hervorzukommen und sich bereitzuerklären mit mir das Revier zu verlassen, nicht allerdings, ohne mir klarzumachen, dass er auf Grund seiner Leibesfülle sich nicht geeignet sähe, „irgendwen zu verfolgen“ und vorher meinen Minirock anzulächeln. Wir begaben uns also hinaus. Unnötig, zu erwähnen, dass der Täter sich längst aus dem Staub gemacht hatte, oder? Eine kleine gedrehte Runde im Spaziergangtempo blieb gänzlich ohne Erfolg. Während dieses kleinen Spaziergangs fielen unter anderem folgende Sätze:

Polizist 1: „Na, da müssen Sie jetzt halt damit leben, dass Sie einen neuen Verehrer haben.“

Ich: „Was hat jetzt bitte ein Übergriff mit Verehrung zu tun?“

Polizist 1: „Na, Sie müssen das ja auch mal aus seinem Blickwinkel sehen.“

Kurz bevor wir das Polizeirevier erreichten, fing der Polizist an, laut „Hallo, ist da wer“ zu rufen und zu lachen. Als ich ihn fragte, was er da tue, meinte er, er wolle nur mal ein bisschen auf den Busch klopfen, vielleicht spiele der Mann ja Verstecke und melde sich. Haha.

Ich wurde ins Revier geführt und gebeten zu warten. Das tat ich dann auch: und zwar bis 21 Uhr. Begründung: die Zuständigkeiten müssten ja erst abgeklärt werden. Mehrmals bat ich darum, mal kurz hinausgelassen zu werden um eine rauchen zu dürfen (dazu musste ein Beamter die Tür aufschließen), da ich mich unter Stress befände. Ironisch wurde ich gefragt, ob ich einen Arzt bräuchte, woraufhin ich sarkastisch äußerte, ich bräuchte keinen Arzt, sondern jemanden, der mich ernst nähme und keine Witze risse.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, wie ich hier gesehen worden bin: als völlig hysterische Frau im Minirock, die das Kompliment eines „Verehrers“ augenscheinlich nicht als ein solches einordnen kann.

21 Uhr dann erklärte man mir, ich (!) sei ein Fall für die Kriminalpolizei. Zu der würden mich jetzt zwei Beamte fahren. Diese kamen auch, einer der beiden grinste erst meinen Minirock an, dann mich. Es war ganz deutlich zu erkennen, dass sie die ganze Sache für Peanuts hielten. Im Auto erklärten sie mir, nach der Vernehmung auf der Kripo könne ich ja mit der Straßenbahn und zu Fuß nach Hause, das sei ja kein Problem. Als ich mich entschieden dagegen verwehrte, heute, zudem mitten in der Nacht, nach diesem Vorfall und angesichts der Tatsache, dass der übergriffige Täter noch immer hier herumlaufe, noch mal über eben jene Plätze und Straßen zu gehen auf dem ich ihm begegnet war, war erstmal Schweigen im Wagen. Dann Schulterzucken und „Tja, weiß ich jetzt auch nicht.“

Auf der Kripo angekommen, ließ man mich wieder warten. Hier erwartete mich im Kriminaldauerdienst endlich eine Frau. Auch diese war auf Sexualstraftaten nicht sensibilisiert, allerdings war sie, wohl einfach aus der Tatsache heraus, dass sie eine Frau war, verständig. Sie nahm die Anzeige auf. Dazu musste sie zunächst überlegen, was der Sachverhalt überhaupt sei. Auf die Frage, ob ich mich in meiner Ehre verletzt fühle, äußerte ich, dass ich diese Tat nicht als Ehrverletzung, sondern als körperlichen Übergriff werte, da ich den Ehrbegriff problematisch sähe. (Denn wenn Frauen (oder Männer oder Kinder), die sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen sind, als „entehrt“ oder „in ihrer Ehre verletzt“ deklariert werden, bedeutet das ja, dass sie nach dem Übergriff keine Ehre mehr haben. In dieselbe Kategorie fällt der Begriff „jmd. schänden“, da er impliziert, das Opfer müsse fortan in Schande leben, wo doch aber eigentlich der Täter der ist, der Schande auf sich geladen hat. Aber das nur am Rande.)

Die Beamtin erklärte mir, es sei besser, ich würde dies behaupten, da sie sonst die Anzeige nicht aufnehmen könne. Das Ende vom Lied ist, dass jetzt eine Anzeige gegen unbekannt läuft, und zwar wegen

Beleidigung mit sexuellem Hintergrund (gem. §185 StGB und § 183a StGB).

Auf die Frage, warum dies nicht als sexueller Übergriff gewertet werde, wurde mir erklärt, dazu wäre „Gewalt“ von Nöten gewesen. Als ich erläuterte, dass es sehr wohl Gewalt sei, wenn jemand gegen meinen Willen meinen Körper anfasst mit dem Ziel, sich damit zu erregen, wurde mir erklärt, man könne da nichts machen. Auf meinen Zusatz, weitere Gewalt sei auch gar nicht nötig gewesen, die Tatsache, dass der Täter den Überraschungsmoment und den Schock ausgenutzt habe reiche doch, kam nichts mehr. Ich bin schockiert darüber, dass sich in der Strafgesetzgebung noch immer die Mythe findet, sexuelle Übergriffe fänden stets unter Gewalt statt oder seien erst als sexueller Übergriff zu werten nachdem das Opfer sich gewehrt hat. Der Übergriff ist und bleibt in meinem Verständnis auch vor einem „Nein“ ein Übergriff, ob ich mich wehre oder ob der Täter mich dabei schlägt oder nicht. Die Gewalt, die einem jeden Übergriff eigentlich implizit ist, wird hier gar nicht als solche wahrgenommen. In dieser Denke ist anscheinend nicht einmal eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung, wenn die Frau sich (aus Angst, aus Schock, weil sie alkoholisiert ist o.ä.) nicht wehrt und der Täter keine „weitere“ Gewalt anwenden muss als für den Übergriff notwendig. Ich lerne also: die Gewalt, die ich mit dem Übergriff erlebt habe, reicht nicht aus. Weder dafür, dass die Polizei mir hilft, wenn ich mich in Gefahr befinde, noch für eine Anzeige, die nicht wegen zu geringer Relevanz mit hoher Wahrscheinlichkeit eingestellt wird. Ich lerne: wenn sich jemand gegen meinen Willen an meinem Körper zu schaffen macht, ist das keine Gewalt, und es ist auch kein Übergriff. Es ist eine Beleidigung!

Während der Vernehmung kam es dann zu einer Zigarettenpause, in der ein weiterer männlicher Beamter sich freiwillig bereit erklärte, mich danach nach Hause zu fahren. Die Vernehmung wurde abgeschlossen. Kurz vor Ende wurde ich gefragt, ob man von mir ein Foto machen dürfe. Ich erkundigte mich, wozu das nötig sei. Die Antwort lautete:

„Damit der Ermittlungsbeamte weiß, was Sie für Kleidung trugen.“

Auf meine Nachfrage, wozu das relevant sei, konnte mir keine befriedigende Antwort gegeben werden. Ich verweigerte mich dieser Prozedur mit dem Verweis darauf, in der Anzeige stände doch bereits, dass ich einen Minirock getragen habe, der mir auf dem Revier bereits Grinsen und Belächlungen eingetragen habe.

Dann, es war 23:30 Uhr, fuhr der Beamte mich nach Hause. Eigentlich ein netter Typ, aber auch er gänzlich ohne Problembewusstsein. Eine kleine Auswahl seiner Sprüche:

„Wollten Sie in die Disco, oder warum haben Sie einen Minirock an?“

„Ach, der hat doch nicht onaniert, der musste doch nur mal pullern.“ (Nach meinem Hinweis, ich sei keine 10 Jahre mehr alt und würde den Unterschied zwischen Urin abschlagen und Onanieren kennen, außerdem sei es deutlich zu erkennen gewesen: ein Grinsen und „ach, wissen Sie das…“)

„Naja, ich denke mal, wenns Ihnen wirklich so gefallen hätte, würden Sie ja hier keine Anzeige aufgeben. Also, denk ich mal. Oder?“

„Naja, also, eigentlich hab ich ja nichts gegen Sexualität.“

Schockierend? Ja. Und trotzdem ein netter Mann, der mit mir sogar noch eine Runde fuhr in der Hoffnung, den Täter doch noch zu sehen. Und genau das macht die ganze Schizophrenie aus: ich unterstelle den Beamten nicht einmal Boshaftigkeit oder krankhaften Frauenhass. Nur den in Deutschland ganz alltäglichen Sexismus und das mangelnde Problembewusstsein.

Gegen Mitternacht war ich dann endlich Zuhause. Und ich ziehe das Fazit, dass ich mich bis zum Zeitpunkt des Anrufs bei der Polizei nicht als Opfer gefühlt habe. Erst die Tatsache, mich gegen Vorurteile (bzgl. meiner Kleidung) wehren zu müssen, erklären zu müssen, warum ich mich überhaupt angegriffen fühle, mich gar dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich „für sowas“ die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen möchte, erst diese erlebten Tatsachen ergeben zusammen mit dem Faktum der Formulierungen in der Anzeige und der Bagatellisierung des Delikts seitens der Polizei das laue Gefühl, dass nicht etwa mit dem Täter etwas nicht stimmt, sondern mit mir.

Lieber Herr Gauck, nach diesen Ausschweifungen möchte ich jetzt folgendes feststellen: Ich könnte noch andere Beispiele bringen und was ich schildere, ist kein Einzelfall. Nicht in meinem Leben und nicht im Leben anderer Frauen. Ich könnte Ihnen noch ein paar schicke persönliche Sachen erzählen über: Missbrauch, körperliche Gewalt, Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, den alltäglichen Sexismus auf Arbeit, im Internet, im öffentlichen Raum. Das spare ich hier aus Platzgründen aus. Ich möchte Ihnen nur schildern, was ich Sonntag erlebt habe, weil der Zeitpunkt so passend ist. Denn zwischen dem, was mir passiert ist, und der Veröffentlichung Ihrer Äußerungen liegt nur ein Tag. Und augenscheinlich eine ganze Welt.

Und ich möchte auch noch folgendes klarstellen: was ich erlebt habe, das war kein polizeispezifisches Problem. Nein, die Beamten waren ganz normale Männer. Ganz normale Männer, die den ganz normalen Sexismus dermaßen verinnerlicht haben, dass sie nicht einmal ein Problembewusstsein haben. Richtig: Männer haben in Deutschland augenscheinlich kein Problem mit Sexismus. Das Problem damit haben die, die ihn erleiden, erdulden, sich mit ihm auseinandersetzen, sich für ihre Verletzung erklären, rechtfertigen müssen und dafür lächerlich gemacht werden. Denen Ratschläge gegeben werden, wie sie sich zu verhalten haben („Du musst dich wehren!“, „Du musst zur Polizei gehen!“, „Du musst jemanden mitnehmen, wenn du rausgehst / dich anders kleiden / nur zu bestimmten Uhrzeiten auf die Straße…!“), anstatt klar das Problem zu benennen, nämlich, dass sich das Verhalten der Täter ändern muss. Sexismus betrifft die meisten Männer augenscheinlich nicht. Und zu diesen ganz normalen Männern gehören, wie es scheint, auch Sie.

Und jetzt, lieber Herr Bundespräsident Gauck, möchte ich Sie sehr gerne fragen, welches Land Sie meinen, wenn Sie sagen, „hierzulande“ gäbe es keine flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen. Das Deutschland, in dem ich wohne, kann es jedenfalls nicht sein.

Mit besten Grüßen aus der Realität empfiehlt sich,

Morné Mirastelle, die sich von Ihnen in keiner Weise repräsentiert fühlt

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