Erlebnis beim Anzeige erstatten nach einer sexuellen Belästigung

Triggerwahrnung. Unsere Freundin Tiffy arbeitet mehrmals in der Woche in einer Kneipe. Wenn sie abends arbeitet, wird es meistens 4 Uhr, bis sie nach Hause kommt. Unter der Woche ist die Nachtbusanbindung schlecht, aber der Weg ist zum Glück nicht allzu weit. Tiffy genießt es, nach der anstrengenden Schicht nach Hause zu laufen und dabei Musik zu hören. Eines Nachts sieht sie einen Mann in einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite stehen, der sich an seinem Hosenschlitz zu schaffen macht. Sie rechnet damit, dass er sich dort erleichtern will, aber dann dreht er sich in ihre Richtung. Ein Exhibitionist. Sie geht erschrocken weiter und rechnet nicht damit, dass er ihr folgt. Plötzlich spürt sie seine Hand auf ihrer Schulter. Er steht hinter ihr, berührt mit der anderen Hand sein Glied. Sie entreißt sich ihm und rennt panisch und über Umwege nach Hause.
Zwei Tage später begleitet eine von uns sie zur Polizei. Sie wäre zunächst gar nicht auf die Idee gekommen, den Vorfall zu melden. „Du hast Recht, vielleicht ist es gut, Bescheid zu sagen.“ Wir gehen zu einer Polizeiwache in der Nachbarschaft. An der Empfangstheke stehen wir einem Polizisten gegenüber, der etwa 25 Jahre alt ist. Er möchte wissen, warum wir da sind. Tiffy kommt ein bisschen ins Stocken. Es ist merkwürdig, einer fremden Person von diesem Erlebnis zu erzählen, dass nun gerade anderthalb Tage her ist. „Vorgestern Nacht, sagen Sie? Und warum kommen Sie dann erst jetzt? Das kann ich nicht verstehen, da können wir doch jetzt auch nichts mehr machen. Und wenn Ihnen das in der X-Straße passiert ist, ist dafür auch eigentlich die Wache im anderen Viertel zuständig. Aber jetzt ist es eigentlich eh zu spät.“ Das sitzt. Ich bin fassungslos und muss mich zusammenreißen, um dem Polizisten mit einigermaßen ruhiger Stimme zu sagen, dass er Tiffy jetzt nicht auch noch Schuldgefühle einreden soll. Er ist irritiert, fühlt sich sichtlich ertappt, entschuldigt sich und beschließt, erstmal bei der Wache im Nachbarviertel anzurufen, um sich zu erkundigen, ob die noch von anderen Fällen in der Nacht gehört haben. Die wissen aber nichts. Er wendet sich wieder an uns, sichtlich verunsichert, was er jetzt tun soll. Es sei wichtig, dass Tiffy den Fall zu Protokoll gibt. Dazu müsse sie aber in die andere Wache gehen, am besten an diesem Abend noch. Oder nein, wir sollten mal eben warten. Er verschwindet in einem Büro und hält Rücksprache mit einem Kollegen. Dann kommt er zurück und sagt, dass er den Fall an Ort und Stelle zu Protokoll nehmen wird. Dazu setzt er sich mit Tiffy hinter eine halbe Wand im Empfangsraum, wo ein Rechner steht.
Von meinem Platz auf der Wartebank kann ich das Gespräch zwischen den beiden mithören, wie im Übrigen auch alle anderen Wartenden. Ich nutze das aus, um ein paar Notizen über den Verlauf des Gespräches zu machen. Es dauert lange, bis der Polizist das Protokoll aufgenommen hat. Immer wieder kommt er davon ab, Tiffy Fragen zum Tathergang zu stellen, und verfällt in einen belehrenden Ton. Sie hätte sofort die Polizei rufen sollen, denn wer wüsste, was der Kerl als nächstes macht. Und die Polizei könnte ja nicht überall sein, „sonst haben wir am Ende wieder die ganze Zeit Demos gegen den Überwachungsstaat.“ Es sei auch ungünstig, dass sie Kopfhörer getragen hat, weil sie so nicht verstehen konnte, ob der Exhibitionist etwas zu ihr gesagt hat. Tiffy bleibt souverän, sogar als er sie fragt: „Was macht eine junge Frau um diese Uhrzeit eigentlich nachts allein auf der Straße?“
Der Name Tiffy ist anonymisiert. Das Erlebnis von Tiffy wurde in dem Artikel Polizei und Sexismus: Erfahrungen mit den Vertreter*innen der Exekutive, der beim Feministischen Institut Hamburg veröffentlich wurde, weitergehend theoretisch kommentiert.

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